Norwegen-Tour / Teil 4
Norwegen-Tour / Teil 4
Wir haben wenig geschlafen nach dem Mittsommerfest, und ich (M.) bin schlecht gelaunt, als wir von Oslo nach Sarpsborg aufbrechen. Als wir dort gegen Mittag im Vertshuset ankommen, ändert sich jedoch schnell die Stimmung. Wir werden zwar ein bisschen nervös, weil am Nachmittag unser erster Radioauftritt bevorsteht, können uns aber voll und ganz in die Hände von Elind begeben, die eine vertrauensvolle Wärme ausstrahlt. Und ein ums andere Mal geraten wir ins Staunen, wie professionell man als Band betreut werden kann. Elind ist selbst Künstlerin – sie malt großartige Bilder -, „daneben“ aber eben auch perfekter Organizer und Leader. Sie hat den Plan für den Tag im Kopf, was uns die Freiheit lässt, die wir brauchen. Nach letzten Tipps für´s Radio fahren wir mit unserem Bus ins Stadtzentrum. Sie hat die nötigen Münzen fürs Parkhaus parat und nimmt uns dann ins Schlepptau – auf dem Weg durch eine Shopping-Mall zur Radio-station; forschen Schrittes den zwei ausländischen Musikern mit ihren Gitarrenkoffern vorausgehend verteilt sie nebenbei nochmal Flyer für das Konzert am Abend.
Gleich wird´s ernst! Doch ich weiß, Andreas mit seinem sichereren Englisch wird den Löwenanteil am Sprechen übernehmen – und er macht es großartig. Ich sehe, wie er mit dem freundlichen und professionellen Moderator scherzt; darüber, dass ich gleich zu singen habe, denke ich nicht nach. Doch die Interviewzeit verrinnt schneller als uns bewusst ist, und plötzlich ist es soweit. Zum zweiten Mal hören wir: „twenty seconds“ – das ist nicht genug Zeit, um die Stimmung der Gitarre nochmals zu überprüfen – aber egal – es läuft, ich schließe die Augen, singe … und dreieinhalb Minuten später haben wir zum erstenmal live im Radio gespielt. Die letzten Sätze werden gewechselt und Elind, die uns in einer Ecke des Studios stehend „die Händchen hält“, gibt Andreas noch ein Zeichen, dass er nicht vergisst, unseren CD-Verkauf am Abend zu erwähnen. Es ist getan – wir freuen uns alle, und Elind lädt uns auf einen Kaffee in der Fußgängerzone ein – wir sprechen über Sarpsborg, unsere Arbeit, die Kultur und das Leben – und unser Kontakt wird zusehends tiefer und verwandelt sich in Freundschaft. Wir ziehen alle an einem Strang und so wird auch unser Konzert am Abend großartig. Völlig erschöpft dürfen wir am Ende zwei Zugaben spielen. Und zum ersten Mal stimmen auch unsere Finanzen – selbst die T-Shirts sind ausverkauft.
Komplett zufrieden ziehen wir für die Nacht in Elinds Haus, wo wir bis 4.30 Uhr zu fünft mit ihrem und einem weiteren Freund sitzen, rauchen und uns bis in die tiefsten Gefilde kennen- und lieben lernen. Wir sind uns einig, dass das Leben abseits der Hauptstraßen „in the woods“ stattfindet. Nebenbei lernen wir, dass das Norwegische einen sehr kleinen Wortschatz hat und sich die norwegischen Menschen dementsprechend mehr über den Sound der Worte als über deren Inhalt ausdrücken. Andreas und ich versuchen es ihnen gleichzutun, wir konzentrieren uns und stoßen unter Einsatz unseres ganzen Körpers – einer nach dem anderen – ein tiefes „fuuuuuck yooouuuuu“ hervor. Es klingt wie der Brunftschrei eines notgeilen Elches aus den Tiefen des Waldes. Die Norweger sind begeistert und heißen uns in der Familie willkommen. Wir fühlen uns über unsere verschiedenen individuellen Wesen hinaus tief verbunden. Nach diesem Tag weiß ich, warum ich hier in Norwegen bin.
Bevor wir am nächsten Tag weiterziehen müssen, besuchen wir noch zwei Glasbläserinnen in ihrer Werkstatt, die uns nach dem Konzert eingeladen hatten. Auch hier werden wir mit einer herzlich festen Umarmung empfangen. Und eine ganze Weile verfolgen wir den äußerst kreativen und schweißtreibenden Prozess zweier Frauen, deren Arbeit ihr Element ist – sehr inspirierend.
Danach ist es nicht mehr zu vermeiden – wir müssen uns verabschieden – von den Frauen und noch ein letztes Mal von Elind, die schon mit der nächsten Band, den Barbarian Twins, im Café sitzt. Wir ahnen, dass wir den Höhepunkt unserer Reise hinter uns haben. Unsere Herzen werden tonnenschwer, als wir die Fähre von Moss nach Horten über den Oslofjord in Richtung Lillesand ansteuern. Dort wird am nächsten Tag unser letzter offizieller Auftritt stattfinden.
Bis wir davon berichten, verabschieden wir uns mit einer – wie ich finde – äußerst wissenswerten Kleinigkeit, die wir gelernt haben: Wenn den Norwegerinnen etwas, zB Schokolade, gut schmeckt, können sie in ihrer Sprache sagen „This fucks my mouth!“ – isn‘t that great!
Bis später















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Juli 1, 2010 um 2:55 pm